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Was ist der Unterschied zwischen ferritischem und austenitischem Edelstahl?

Andre Matthias ·
Zwei polierte Edelstahlstäbe auf Werkbank, einer mit warmem Finish, einer spiegelblank, Messschieber angelehnt, Metallspäne verstreut.

Wer im Metallhandel oder in der Fertigung mit Edelstahl arbeitet, stößt früher oder später auf die Frage, welche Edelstahlsorte für welchen Einsatz geeignet ist. Ferritischer Edelstahl und austenitischer Edelstahl sind die beiden am häufigsten eingesetzten Werkstoffgruppen, doch ihre Eigenschaften unterscheiden sich grundlegend. Diese Unterschiede betreffen nicht nur das Materialverhalten im Einsatz, sondern auch die Verarbeitung, die Schweißeignung und die Wahl der richtigen Güte für den jeweiligen Anwendungsfall. Ein solides Verständnis der beiden Edelstahlsorten hilft dabei, Fehlentscheidungen bei der Werkstoffauswahl zu vermeiden.

Gefügestruktur als entscheidender Unterschied

Der grundlegende Unterschied zwischen ferritischem und austenitischem Edelstahl liegt in der Kristallstruktur des Werkstoffs. Ferritische Edelstähle besitzen ein kubisch-raumzentriertes Gitter (krz), das durch einen hohen Chromgehalt von typischerweise 10,5 bis 30 Prozent und einen sehr niedrigen Kohlenstoffgehalt geprägt ist. Nickel ist in ferritischen Güten kaum oder gar nicht enthalten.

Austenitische Edelstähle hingegen weisen ein kubisch-flächenzentriertes Gitter (kfz) auf. Dieses Gefüge entsteht durch die Kombination von Chrom und einem deutlichen Nickelanteil, der in der Regel zwischen 8 und 12 Prozent liegt. Der Austenit ist bei Raumtemperatur stabil, was dem Werkstoff seine charakteristischen Eigenschaften verleiht. Diese strukturellen Unterschiede sind keine bloße Materialtheorie, sondern wirken sich direkt auf das Verhalten des Werkstoffs in der Praxis aus.

Magnetisierbarkeit, Korrosionsbeständigkeit und weitere Schlüsseleigenschaften im Vergleich

Eines der auffälligsten Unterscheidungsmerkmale ist das magnetische Verhalten. Ferritische Edelstähle sind ferromagnetisch, also von einem Magneten anziehbar. Austenitische Edelstähle sind im angelieferten Zustand in der Regel nicht magnetisch, können jedoch durch Kaltumformung leicht magnetisierbar werden.

Bei der Korrosionsbeständigkeit liegt der Austenit in den meisten Anwendungsbereichen vorn. Dank des Nickelgehalts und häufig vorhandener Legierungselemente wie Molybdän zeigen austenitische Güten eine sehr gute Beständigkeit gegen Lochkorrosion und interkristalline Korrosion, besonders in chloridhaltigen Umgebungen. Ferritische Stähle sind zwar korrosionsbeständiger als unlegierter Stahl, zeigen aber in aggressiven Medien schneller ihre Grenzen. Dafür punkten sie mit ihrer guten Spannungsrisskorrosionsbeständigkeit, die austenitischen Güten fehlt.

Weitere Unterschiede betreffen die mechanischen Eigenschaften: Austenitische Edelstähle sind duktiler und lassen sich stärker kaltverformen, ohne zu reißen. Ferritische Güten sind steifer und haben eine höhere Streckgrenze, sind aber bei tiefen Temperaturen weniger zäh. Die Wärmeleitfähigkeit ist bei ferritischem Edelstahl höher, die Wärmeausdehnung geringer, was in bestimmten thermischen Anwendungen ein Vorteil sein kann.

Typische Anwendungsgebiete beider Edelstahltypen in der Industrie

Die unterschiedlichen Eigenschaften führen zu klar getrennten Einsatzbereichen in der industriellen Praxis. Ferritischer Edelstahl wird häufig dort eingesetzt, wo Magnetisierbarkeit erwünscht oder Kosteneffizienz gefragt ist, ohne dass extreme Korrosionsanforderungen bestehen.

Typische Anwendungen für ferritische Güten sind:

  • Abgasanlagen und Katalysatoren im Fahrzeugbau
  • Haushaltsgeräte und Küchenausstattung (z.B. Geschirrspüler, Waschmaschinen)
  • Dekorative Verkleidungen und Fassadenelemente
  • Behälter und Apparate in der Lebensmittelindustrie, wo keine aggressiven Medien vorliegen

Austenitische Edelstähle dominieren überall dort, wo hohe Korrosionsbeständigkeit, gute Schweißbarkeit und mechanische Belastbarkeit gefragt sind. Dazu gehören der Apparate- und Behälterbau, die Pharmaindustrie, die Lebensmittelverarbeitung mit aggressiven Reinigungsmitteln, der Anlagenbau für die Chemie sowie Architekturanwendungen im Außenbereich. Auch im Maschinen- und Anlagenbau, einem der Kernkundensegmente im Metallhandel, ist austenitischer Edelstahl die Standardwahl für viele Bauteile.

Gängige Normen und Werkstoffnummern für ferritische und austenitische Güten

Für die Beschaffung und Verarbeitung ist die korrekte Werkstoffbezeichnung nach europäischer Norm entscheidend. Die relevanten Normen sind DIN EN 10088 für nichtrostende Stähle sowie DIN EN 10028 für Druckbehälterstähle, wobei die Werkstoffnummern nach EN 10027 vergeben werden.

Zu den gängigsten ferritischen Güten gehören:

  • 1.4016 (AISI 430): Der Standardferrit mit 16 bis 18 Prozent Chrom, weit verbreitet in Haushaltsgeräten und Dekoranwendungen
  • 1.4512 (AISI 409): Häufig im Automobilbau für Abgasanlagen eingesetzt
  • 1.4521 (AISI 444): Molybdänlegierter Ferrit mit verbesserter Korrosionsbeständigkeit

Die wichtigsten austenitischen Güten sind:

  • 1.4301 (AISI 304): Der meistverwendete austenitische Edelstahl mit 18 Prozent Chrom und 8 bis 10 Prozent Nickel
  • 1.4307 (AISI 304L): Kohlenstoffarme Variante für verbesserte Schweißeignung
  • 1.4401 (AISI 316): Molybdänlegiert für erhöhte Chloridbeständigkeit
  • 1.4404 (AISI 316L): Kohlenstoffarme Version von 1.4401, Standardwerkstoff in der Chemie und Pharmazie

Diese Werkstoffnummern sind in der industriellen Beschaffung die gemeinsame Sprache zwischen Konstrukteuren, Einkäufern und Lieferanten. Wer Edelstahl nach Werkstoffnummer beschaffen möchte, sollte immer die vollständige Bezeichnung inklusive Norm angeben, um Verwechslungen auszuschließen.

Verarbeitungshinweise: Zuschnitt, Schweißen und Oberflächenbehandlung

Die Verarbeitung beider Edelstahlgruppen erfordert angepasste Vorgehensweisen, die sich aus den jeweiligen Werkstoffeigenschaften ergeben. Wer diese Unterschiede kennt, vermeidet typische Fehler in der Fertigung.

Zuschnitt und mechanische Bearbeitung

Austenitische Edelstähle neigen zur Kaltverfestigung beim Zerspanen, was höhere Schnittkräfte und Werkzeugverschleiß bedeutet. Geeignete Schnittgeschwindigkeiten und scharfe Werkzeuge sind notwendig, um Aufbauschneiden zu vermeiden. Ferritische Güten lassen sich in der Regel etwas leichter zerspanen, da sie weniger zur Kaltverfestigung neigen. Beim Sägen und Trennen gilt für beide Gruppen, dass die Werkzeuge sauber und frei von Eisenverunreinigungen sein müssen, um Kontaktkorrosion zu verhindern.

Schweißen

Austenitische Edelstähle gelten als gut schweißbar, sofern die richtigen Zusatzwerkstoffe und Schutzgase verwendet werden. Bei stabilisierten oder kohlenstoffarmen Güten (z.B. 1.4307, 1.4404) ist das Risiko interkristalliner Korrosion in der Wärmeeinflusszone deutlich reduziert. Ferritische Edelstähle sind schweißtechnisch anspruchsvoller: Im Bereich der Wärmeeinflusszone kann es zu Versprödung und Kornwachstum kommen, was die Zähigkeit des Werkstoffs mindert. Für viele ferritische Güten werden daher spezielle Schweißverfahren oder austenitische Zusatzwerkstoffe empfohlen.

Oberflächenbehandlung

Edelstahlbleche und Platten werden in verschiedenen Oberflächenzuständen geliefert, von walzblank über gebeizt bis hin zu geschliffen oder gebürstet. Gebürstete Oberflächen sind besonders in Architektur und Lebensmitteltechnik gefragt. Nach dem Schweißen oder mechanischen Bearbeiten empfiehlt sich bei austenitischen Stählen ein Beizen oder Passivieren, um die natürliche Schutzschicht wiederherzustellen. Bei ferritischen Güten ist dieser Schritt ebenfalls sinnvoll, wenngleich die Passivschicht grundsätzlich weniger stabil ist als beim Austenit.

Wie KLEINEBERG bei der Edelstahlauswahl und -beschaffung unterstützt

Die Wahl zwischen ferritischem und austenitischem Edelstahl hat direkte Auswirkungen auf Kosten, Verarbeitbarkeit und Bauteillebensdauer. H.KLEINEBERG GmbH unterstützt Fertigungs- und Engineering-Betriebe dabei, die richtige Güte für ihren Anwendungsfall zu finden und schnell verfügbar zu machen:

  • Breites Lagersortiment an austenitischen und ferritischen Edelstahlhalbzeugen in gängigen und Sonderabmessungen, lieferbar ab Lager in Stelle
  • Persönliche Beratung durch erfahrene Vertriebsmitarbeiter, die Werkstoffkenntnisse mit Branchenverständnis verbinden
  • Präzise Fixlängenzuschnitte per Säge, auch als Einzelschnitt mit Lieferung zum Folgetag
  • Eigener LKW-Fuhrpark für zuverlässige Belieferung im gesamten norddeutschen Raum
  • Zertifiziertes Qualitätsmanagement nach DIN EN ISO 9001 für nachvollziehbare Materialqualität

Wer konkrete Fragen zur Werkstoffauswahl hat oder eine Anfrage zu Verfügbarkeit und Abmessungen stellen möchte, erreicht das KLEINEBERG-Team direkt über die Kontaktseite.

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